Mittwoch, 2. April 2014

Eine Geschichte von vielen

Heute wieder eine etwas ältere Kurzgeschichte von mir. Eigentlich wollte ich sie mal bei einem Wettbewerb einschicken, aber sie passt einfach nirgendwo richtig rein. Und es wäre schade, wenn sie deshalb auf meinem Laptop verstaubt, wo doch hier so viel Platz ist.   :)

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Eine Geschichte von vielen
(Katzenleben)

Regentropfen erzählen beständig die Geschichten der Welt. Ich habe gelernt, ihnen zuzuhören, in den Stunden des Wartens. In den Stunden, in denen ich litt.
Noch immer fühle ich das Gift, dass sich durch mein Innerstes fraß – diese brennenden Finger, die mir doch keine Träne entlockten. Weder damals, noch heute.
Mein Körper wurde taub, während mein Verstand die Treppe zum Wahnsinn bestieg. Kein Lächeln verformte jemals mein Gesicht. Nur der Schmerz hielt alles zusammen.

All die Jahre sah ich zu, wie die Natur Muster hinter den Fenstern formte. Knospen wurden zu Blüten, wurden zu Früchten, fielen hinab, und Schnee bedeckte die Äste, bis alles wieder zum Leben erwachte. Perfektion im Chaos. Anders als der Mensch. Er ist das Chaos in Perfektion. Eine einzige Lüge. Ein brutaler Schrei des Universums.

Wenn Menschen über dein Schicksal bestimmen, dann gibt es kein Richtig oder Falsch. Nur ihre Macht. Sie klebt an ihren Händen, während ein Schleier des Schreckens ihre Köpfe beherrscht.
Noch im Tod bin ich gefangen in den Mauern, die mich zu Lebzeiten fest umklammerten, mich vor der Freiheit versteckten und die Freiheit vor mir. Ich durfte sie nie kosten, die vielen Farben auf der anderen Seite. Mein Leben war dunkel, in diesem grellen Labor.
Sie sperrten mich ein und ließen mich leiden, damit es anderen besser geht. Denen, die in ihren Augen mehr Wert sind, als ich. Welch zuckersüße Ironie zwischen dem Grapefruitgeschmack auf den Lippen ihrer verdorbenen Moral.

Sie haben meinen leblosen Körper im Abfall entsorgt, weil ohnehin niemand um mich weint. Eine Kreatur von vielen, die niemand vermisst, obwohl jeder von unserer Existenz weiß.
Wir kennen weder Würde noch Liebe. Nur den Schmerz und die Einsamkeit.

Ich wurde geboren, um der Wissenschaft zu dienen, lebte ein Leben, das ich nicht verstand. Ein verlorenes Leben, denn der Mensch nahm mir alles, noch bevor ich es besaß. Jetzt sitze ich hier und entdecke mein eigenes Leid in fremden Augen. 
Ich wende mich ab, blicke hinaus in den Regen, der unermüdlich über die Scheibe rinnt. Kostbare Tropfen, durch die alles Leben entsteht. Leben, das der Mensch zu beherrschen sich anmaßt und für seine Zwecke missbraucht.
Ich war eine gepeinigte Seele und nun ein rastloser Geist. Doch ich sinne nicht auf Rache. Alles, was ich mir wünsche, ist Gerechtigkeit.
 

 
 

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