Sonntag, 9. Februar 2014

Experiment - Thema: Kälteschlaf

Mein dritter und letzter Beitrag zu meinem Experiment Teil 2. Diesmal ein Text + Bild. 




 
Verloren

Als ich ihn noch berühren konnte, zog ich mit meinen Fingerspitzen immer eine feine Linie zwischen seinen Schulterblättern. Eine unsichtbare Linie, die mich mit ihm verband. Mit ihm konnte ich den Rhythmus des Lebens fühlen; die Musik, die Menschen berauscht, die ihr zuhören wollen. Zuhören können.

Ich erinnere mich noch genau, wie er morgens kurz nach dem Aufwachen, immer seine Arme Richtung Himmel streckte. Damals glaubte ich, er könnte alle Wolken beiseite schieben – und habe mich geirrt.

Heute berühren meine Fingerspitzen nur noch das Eis, das der Winter über die Risse im Asphalt legt. Höre die Vögel, die in der alten Weide kreischen, als hätten sie das Singen verlernt. Vielleicht haben sie das, weil es nichts mehr gibt, wofür es sich lohnt. Da ist nur noch dieses Dornengestrüpp – eine Rosenhecke, die ihre Blüten vor langer Zeit an die Hölle verlor.
Es gibt keine Schönheit mehr, keinen Platz für Träume. Nur die Trauer um den verlorenen Sommer.

Man sagt, je tiefer die Wurzeln eines Baumes reichen, desto standfester ist er. Doch das ist keine Garantie, dass er nicht fällt, beim nächsten Sturm. Manche Stürme kommen leise. Und der letzte raubte mir den Atem.

Seitdem verweile ich unter dem verwundeten Himmel, versinke im herabfallenden Schnee mit diesem Loch in meiner Brust.

Ich habe versucht, den Weg alleine zu gehen, doch es ist wie sterben auf einer Reise, die nie endet. 



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen